Turing ersetzt die Frage, ob Maschinen denken können
Im Oktober 1950 erscheint in der Zeitschrift Mind ein Aufsatz von Alan Turing, der mit der Frage "Can machines think?" beginnt — und sie sofort verwirft. An ihre Stelle setzt er ein Spiel: Kann ein Fragesteller im schriftlichen Austausch Mensch und Maschine auseinanderhalten?
Im Oktober 1950 erschien in der philosophischen Vierteljahresschrift Mind der Aufsatz "Computing Machinery and Intelligence" von A. M. Turing, Band LIX, Heft 236, Seiten 433 bis 460.1 Er beginnt mit der Frage, ob Maschinen denken können — und ersetzt sie umgehend durch eine andere, statt "Maschine" und "denken" zu definieren.1,4 Die Stanford Encyclopedia of Philosophy fasst Turings Urteil so zusammen, dass die Frage in dieser Form zu bedeutungslos sei, um erörtert zu werden.2
An ihre Stelle setzt Turing ein Verfahren.4 Im sitzen drei Personen: ein Mann (A), eine Frau (B) und ein Fragesteller (C) in einem anderen Raum, der allein über schriftliche Fragen und Antworten herausfinden soll, wer wer ist.4 Erst danach stellt Turing die entscheidende Frage: Was geschieht, wenn eine Maschine die Rolle von A übernimmt?4 Die Maschine soll den Fragesteller zu einem Irrtum verleiten, der Mensch ihm helfen, richtig zu entscheiden.2 Unter dem Namen hat das Verfahren seither viele Einwände in der Fachliteratur auf sich gezogen.2
Turing verband damit zwei Vorhersagen.2,3,4 In etwa fünfzig Jahren werde eine Maschine mit einer Speicherkapazität von 10⁹ das Spiel so gut spielen, dass ein durchschnittlicher Fragesteller nach fünf Minuten nicht mehr als 70 Prozent Wahrscheinlichkeit habe, richtig zu entscheiden.2,4 Und bis zum Ende des Jahrhunderts werde sich der Sprachgebrauch so verschieben, dass man von denkenden Maschinen sprechen könne, ohne Widerspruch zu erwarten.3,4 Die Schätzungen für den Speicher des menschlichen Gehirns reichten nach Turing von 10¹⁰ bis 10¹⁵ Binärziffern; er neigte zu den niedrigeren Werten und hielt nur einen kleinen Teil davon für das höhere Denken für nötig.4 Im sechsten Abschnitt geht er neun Einwände gegen seine Auffassung durch und beantwortet sie, darunter den theologischen, den mathematischen aus dem Gödelschen Satz, das Bewusstseinsargument und den Einwand Ada Lovelaces, eine Maschine könne nur ausführen, was man ihr aufzutragen wisse.4 Am Ende schlägt er vor, nicht den Erwachsenen zu programmieren, sondern eine "child machine" zu bauen und sie zu unterrichten.4
Der Anlass war eine Auseinandersetzung, nicht ein Einfall.3 Drei Fachleute hatten ihm widersprochen — der Physiker Douglas Hartree, der Neurochirurg Geoffrey Jefferson und der Chemiker Michael Polanyi; im Oktober und Dezember 1949 wurde darüber in zwei Seminaren zu "Mind and Machine" an der Universität Manchester gestritten, und Turings Aufsatz antwortet darauf.3 Umstritten ist bis heute, wie er zu lesen ist: Bernardo Gonçalves argumentiert, Kritiker nähmen den Test wörtlich als praktisches Experiment und übergingen dabei Teile des Textes samt seiner Ironie — gemeint sei ein mathematischer Begriff von Imitation, nicht Täuschung.3 Die meisten Kommentatoren halten Turings Vorhersage zum Imitationsspiel für nicht eingetroffen.2
Siehe auch
- Der Dartmouth-Workshop von 1956 gilt als Gründungsereignis der KI-Forschung 1956 Sechs Jahre später bekam das Feld seinen Namen — die Frage stand schon.
- ChatGPT wird veröffentlicht 2022 Erst hier wurde das Imitationsspiel für Millionen zur Alltagserfahrung.
- Reasoning-Modelle rechnen länger — und zeigen den Rechenweg nicht 2024 Turing fragte nach dem Verhalten, nicht nach dem inneren Vorgang — genau die Trennlinie.
Hierher verwiesen
- Der Dartmouth-Workshop von 1956 gilt als Gründungsereignis der KI-Forschung 1956 Sechs Jahre vorher war die Frage gestellt, die diese Konferenz zum Forschungsprogramm machte.
- McCulloch und Pitts beschreiben Neuronen 1943 als Logikbausteine 1943 Der Aufsatz stützt sich auf Turings Berechenbarkeit; sieben Jahre später fragte Turing, ob Maschinen denken.